Juli 2001

06.07.2001 / 16.07.2001 / 26.07.2001 / 27.07.2001

 

06.07.2001

Luft im Kopf

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass Bernd sich sein Gehirn weg meditiert hat. Da kann doch nichts mehr drin sein, in dieser Fleischkugel. Das ist einfach nicht möglich. Aber erst mal zum Geschehen, das mich zu diesen Äußerungen verleitet hat.

Nachdem ich ihn letzte Woche auf den überfüllten Gefrierschrank aufmerksam gemacht habe und sich bis Gestern an dieser Situation nichts änderte, nahm ich mich dem kleinen Frostspender an und sortierte den Inhalt ein wenig hin und her. Unter anderem kamen dabei mindestens vier volle und 7 angebrochene Plastiksäcke mit Asia-/Späzle-/Gemüsepfanne, Pommes, Calamaris, Alaskaseelachsfilet, 1 Karton Chickennuggets,  zwei Packs Rahmspinat, zwei Baguettes, ein Beutel gefrierverbrannter Braten, drei Tupperdosen mit ich weis nicht was und ich will es auch nie erfahren, 250 ml Karamelleiscreme und drei Beutel mit abgepacktem Käse in diversen Formen (Was muss man für ein Idiot sein, um eine halbe Packung Gouda-Scheibletten oder einen fünf mal fünf Zentimeter großen Emmentalerwürfel in eine Tüte zu packen und einzufrieren? Und das gleich drei Mal). Und alles gehört nicht Bernd.

Nach einer halben Stunde hatte ich eine Nische geschaffen, die es erlaubte, eine große Flasche Cola kurz Schock zu gefrieren und etwas Eis aufzubewahren.

Als ich dann heute Mittag wieder das Gefrierfach öffnete, um mich noch einmal an meinem gestrigen Tagwerk zu ergötzen, fuhr es mir auf einmal wie ein Katheter durch die Harnröhre. Da hat dieses seltendämliche A....loch heute Morgen wohl gesehen, dass wieder Platz im Fach herrscht, ist zum Aldi gerannt und hat "meinen Platz" mit zwei Packungen Lasagne bzw. Cannelloni und einem halben Meter Quarkstrudel zugebunkert und ist dann zur Arbeit gefahren. Was sollte ich nun machen? Ein Beil aus dem Keller holen und sein Zimmer zerlegen? Ihm heute Abend hinter der Tür auflauern, ihm seine Nase in den Hohlkörper drücken und mich dann an seinen Schreien erquicken? Die Kühlschrankpolizei verständigen? Ich wusste es nicht.

Ich hab dann schließlich einen Zettel mit den Worten "Danke fürs Platz machen. Wäre nicht nötig gewesen. Ich versuche es nicht persönlich zu nehmen. Schönen Gruß, Albert!" geschrieben und an die Klappe geklebt. Danach bin ich mit einem Kumpel in die Stadt gefahren und hab mir ordentlich die Kante gegeben.

Als ich dann in der Nacht nach Hause kam, sah ich, dass der Zettel nicht mehr vorhanden und das Gefrierfach immer noch voll war. Aber das störte mich nun nicht mehr so sehr, wie heute Mittag, da ich mich in einer mittelschweren Äthanolanästhesie befand. Ich machte mir sogar diesen Zustand zum Vorteil und befriedigte meinen aufkommenden Fressflash mit einem anständigen Satz Calamaris, Chickennuggets, Pommes und Karamelleiscreme aus dem Eisfach, die Bernd und auch sonst keinem von uns gehörten.

Und in den nächsten Tagen, hab ich mir vorgenommen, wird das Kühlfach bis auf zwei Packungen Spinat, zwei Baguettes, Lasagne, Cannelloni und Quarkstrudel leer sein.

Lecker! (Und natürlich billig)

 

16.07.2001

Wink mit dem Zaunpfahl

Ich stand gerade in der Küche, um mir in der Pfanne eine Kleingruppe Kiemenatmer zu bräunen, als Bernd herein hüpfte um mir das Wichtigste des Tages kund zu tun. Sein Gesichtsausdruck deutete darauf hin, dass er heute in der Schule ein "gut" im Lesen bekommen und somit seine Versetzung in die dritte Klasse geschafft hat. Die Erinnerung an sein Alter verbot mir aber wieder diesen Gedanken (Schade, ist immer wieder amüsant, sich Bernd in einem viel zu kleinen Matrosenanzug mit Schultüte unterm Arm vorzustellen) und ich empfing geduldig seine Botschaft.

Bernd: "Du Albert, ich hab gerade geputzt!"

Ich: "Ich weiß!"

Bernd: "Hast du es etwa schon gesehen?"

Ich: "Nee, gerochen (Es sah wirklich nicht aus, als sei geputzt worden. Aber es stank wieder bestialisch nach diesem ekligen Essigreiniger, den nur Bernd benutzt.)!

Mir war es in diesem Augenblick, da ich sehr müde war und einen höllischen Kohldampf hatte, aber viel zu anstrengend, mich mit Bernd in ein "Was ist sauber?"-Gespräch einzulassen und ich hinterließ die Situation und Bernd mit einem anerkennenden Kopfnicken.

Eine Stunde später, als ich das dreckige Geschirr zurück in die Küche brachte, müsste ich feststellen, dass Lars diesmal auch nicht ganz so zufrieden mit Bernds Putzkünsten war, denn an mindestens drei Stellen des Raumes fand ich folgende Hinweise mit Bleistift an Wand und Boden geschrieben:

 

 

Ich konnte mir natürlich ein herzhaftes Schmunzeln nicht verkneifen. Die Zwei scheinen sich wohl mittlerweile auch richtig lieb zu haben.

 

Übrigens gab es für mich heute zum Fisch als Beilage wieder einmal ein leckeres Pfannengemüse aus dem Eisfach das niemandem gehörte. Und es hat sich tatsächlich noch niemand beschwert, dass ihm etwas weggegessen wurde.

Nicht dass doch die Heinzelmännchen im Gefrierfach wohnen und das gar kein Fisch war, den ich da gegessen hab! Gedünsteter Heinzelmann auf Bami Goreng. Eine nette Vorstellung.

 

26.07.2001

Verkehrte Werte

Letzte Woche fragte mich Lars, ob ich mir vorstellen könnte, ihm diese Woche beim Umzug von "Es" zu helfen. Da er mir auch vor geraumer Zeit beim Umzug meiner Ex-Freundin geholfen hatte (Geholfen? Na ja, er war zumindest anwesend.), konnte ich ihm schlecht einen direkten Korb geben, da ich der Meinung war, dass sich das nicht gehört. Ich teilte ihm mit, dass ich diese Woche zwar sechs Nachtdienste hätte und höchst wahrscheinlich aus fahrtzeit- bzw. fahrtkostentechnischen Gründen bei meinen Eltern übernachten werde (Sie wohnen in dem ca. 50 Kilometer entfernten Ort, wo ich arbeite.), ihm aber trotzdem helfen könnte, wenn er mir einen genauen Termin für den Umzug sagt. Da sich die Aktion über die ganze Woche erstrecken sollte bot ich ihm an, um Dienstag ab 15:00 Uhr bereit zu stehen, und er willigte dankbar ein.

Dienstag Morgen um kurz vor 7:00 Uhr fuhr ich dann die anderthalb Stunden mit der Bahn nach Hause um dann um 15:00 Uhr frisch und ausgeschlafen meinem werten Mitbewohner zur Hand zu gehen. Als ich zum abgemachten Termin in unserer Wohnung  bereit stand, merkte ich, dass Lars nicht anwesend war. Ich wartete noch bis ca. 18:00 Uhr und machte mich, ohne ein Lebenszeichen von Lars erhalten zu haben wieder auf den erschwerlichen Weg Richtung Arbeitsplatz. Auf der Arbeit erhielt ich in den Nachtstunden von Lars eine SMS, die mir mitteilte, dass bis auf die schweren Gegenstände, der Umzug bereits erledigt sei. Ich rief ihn an um zu fragen, warum er mich trotz Terminvereinbarung (um mal in seinen Worten zu sprechen) versetzt hatte. Er sagte mir, dass es ja nicht seine Schuld wäre, dass ich umsonst gewartet hätte da er sich ja eigentlich vorher noch einmal bei mir melden wollte, weil er nicht genau wusste, ob er für Dienstag den Bus bekommen würde. Das musste ich letzte Woche im Eifer der Terminabsprachen wohl überhört haben und entschuldigte mich bei ihm für mein nicht absprachekonformes Bereitstehen. Meinen Zynissmus überhörend fragte er mich prompt, ob ich nicht am Mittwoch vielleicht noch einmal Zeit für die schweren Gegenstände zu tragen hätte. Ich verneinte um mir nicht wie eine Waschmaschinen- und Kühlschranktransportnutte vorzukommen und schob ein paar erfundene Termine vor, bot aber den Donnerstag zur gleichen Zeit an, um ihn nicht ganz im Regen stehen zu lassen (Ich weiß, ich bin einfach zu gut für diese Welt :-)).

Als ich heute Morgen nach der Arbeit um kurz nach acht vor meiner Zimmertür stehe, tritt mir plötzlich eine imaginäre Kraft mit 3facher Erdbeschleunigung in den Sack und mein von zwei Testikeln zerschossener Verstand sagt, dass er irgendwie nicht bereit ist, das für Wahr anzuerkennen, was ihm meine Augen gerade übermitteln. Da liegt doch so ein von Lars handschriftlich verfasstes, für ihn urtypisches Kleinod des zwischenmenschliches Schriftverkehrs auf dem Boden, welches sagt:

 

 

Für was in aller Welt setze ich mich eigentlich morgens um sieben Uhr nach zehn Stunden Nachtdienst für anderthalb Stunden in einen mit übelgelaunten Berufspendlern völlig überfüllten Zug? Zum Spaß, oder was? Kann dieser Idiot mich nicht vorher anrufen oder mir wie zwei Tage zuvor eine SMS schicken, die den gleichen Inhalt hat? Ich muss zugeben, dass ich mir ein klein wenig verarscht vorkomme. Aber wirklich nur ein klein wenig!

Einzig und allein meine Müdigkeit und der Gedanke daran, dass ich mir heute nicht die Bandscheiben von viel zu schweren elektrischen Haushaltshelfern zerquetschen lassen muss hindert mich daran, mein Gesicht  farbenfroh anlaufen zu lassen, meine Pupillen im Kopfinneren zu verstecken und höllisch auszutickern.

Und außerdem, was will er mir mit dieser überaus präzisen und absolut sinnlosen Zeitangabe sagen? Ist das bitterer Spott oder einfach nur progressiv zunehmender Schwachsinn? Ich weiß es nicht, und ich glaube und hoffe inständig für ihn, es auch nie erfahren zu müssen.

 

Weiter wäre noch zu berichten (Gruß an Zaki), dass sich unser anderer Fettnapfakrobat Bernd seit einer Woche in Urlaub befindet und ich hoffe für ihn und mich, dass dieser Zustand noch für eine lange Zeit anhält, da mich oder meinen Mitmenschen eine Überdosis Schwachsinn zu diesem Zeitpunkt das Leben kosten könnte.

 

27.07.2001

"Trari, Trara ....!"

Es gibt sogar Menschen, die es schaffen, ohne Ihre Anwesenheit zu nerven. Irgend einer von Bernds Göttern muss wohl gelesen haben, was ich gestern über ihn geschrieben habe und hat sich gedacht, mich mal eine kleine Runde zu foppen. Anders kann ich mir die Aktion von gerade nicht erklären.

Ich liege nach meinem Nachtdienst im Bett und habe einen angenehm feuchten Tomb Raider Abenteuertraum in dem mich Angelina Jolie gerade zu ihrem Dschungel einläd, als es auf einmal wie wild an der Türe schellt. Ich versuche das schrille Geräusch zu verdrängen da ich keinen Besuch erwarte und drehe mich geschickt auf die andere Seite um weiter meinen genitalfixierten Phantasien zu frönen. Eine halbe Minute und eine Traumszene später fährt mir wieder dieses schmerzende Geräusch durch den schlaftrunkenen Kopf. Nach der dritten Angriffswelle verstehe ich langsam, dass ich es wohl ohne aufzustehen nicht fertig bringen werde, den Feind in die Flucht zu schlagen. Ich springe in meine Klamotten und renne aus meinem Zimmer, um den Störenfried zur Rede zu stellen, als es mir schon entgegen schalmeit: "Die Poooohooost!" Ich denke mir: "Dann schmeiß die dämliche Post doch in den Briefkasten, wie du es jeden Tag tust!" Es klingelt wieder und ich höre erneut: "Poooooohhhoost!". Ich öffne die Wohnungstür, grunze dass ich ja schon unterwegs sei und eile dem Postboten im Treppenhaus mit großen Schritten entgegen. Es klingelt. Als mich der Postbote mit hochrotem Kopf und geballten Händen ankommen sieht, macht er erst einmal zwei Schritte nach hinten.

Ich (mit reichlich verknittertem Gesicht): "Ja bitte, was ist denn so dringend?"

Ich glaube, wenn er einen Hundekuchen oder ein anderes Leckerchen in der Tasche hätte, würde er es mir auf der Stelle zuschmeißen, damit ich ihn nicht beiße.

Postbediensteter (vorsichtig): "Herr Klüner?"

Ich lache: "Nee, Gott sei dank nicht. Der ist im Moment nicht da. Soll ich denn was für ihn annehmen?"

Zusteller: "Könnten sie ihm bitte die Benachrichtigung für das Einschreiben übergeben, da ich es nur persönlich an ihn aushändigen darf?"

Ich: "Kein Problem, vielen Dank!"

Staatsknecht: "Ich habe zu danken!"

Danach reicht er mir noch die übrige Post samt dem "Kirchenboten" (Das ist Bernds Wochenlektüre. Es ist halb so dick und doppelt so braun wie die Bild-Zeitung und kostet dafür aber nur 1,95 DM pro Ausgabe. Die wissen schon wie sie ihren Schäfchen das Geld aus der Tasche knispeln.) und wir verabschieden uns recht freundlich mit "einem schönen Tag noch". Als er mir den Rücken zudreht und dabei ist das Haus zu verlassen, kommt mir noch für einen kurzen Augenblick der Gedanke, ihm den Klingeldaumen abzuschneiden, um ihn davor zu bewahren mich das nächste Mal wieder aus dem Bett zu schmeißen und sich damit in Lebensgefahr zu begeben. Doch da sitzt er schon auf seinem gelben Pferdersatz und zieht von dannen.

Das hab ich jetzt davon, dass ich so schlecht über andere Leute schreibe. Es ist gleich zwölf, ich kann nicht mehr schlafen und Lara Croft ist noch einmal mit ihrer Unschuld davon gekommen.